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Scharfe Waffen und Kichererbsenpüree

geschrieben am: Montag, den 19. September 2011 um 13:14 Uhr | Kategorie: Campusleben

Scharfe Waffen und KichererbsenpüreeASCENSO-Studentin Sinah verbringt ihre Semesterferien in Israel. Sie tauscht Tapas gegen Hummus und den Paseo Maritimo gegen das Nachtleben in Tel Aviv. Ein Erfahrungsbericht:

 

 

Amir weiß, warum ich nach vier Jahren wieder nach Israel komme. Sagt er zumindest. "Sinah, unser Land ist der Spagat zwischen westlicher und nahöstlicher Kultur, zwischen Moderne und Religion. Du bist wieder gekommen, weil Israel dir vertraut und doch wieder völlig fremd ist."

Skyline von Tel AvivJa, mag sein. Vielleicht bin ich wieder hier, weil mich das Land und die Menschen faszinieren. Vielleicht aber auch, weil ich meine Freunde gerne sehen wollte. Oder einfach nur, weil der Austausch nach Israel vor vier Jahren zu den wenigen positiven Erinnerungen an meine Schulzeit gehört. Damals wohnte ich bei Amir und seiner jüdischen Familie in dem kleinen Ort Raanana. Zwei Wochen lang erlebte ich den israelischen Alltag hautnah. Bis heute ist der Kontakt zu meiner Gastfamilie nicht abgebrochen. Bei meinen Reisen durch die Welt lernte ich weitere Israelis kennen, darunter auch die bezaubernde Raz. Sie ist jetzt meine Anlaufstelle.

Drei Stunden nach meiner letzten Semesterprüfung sitze ich im Flieger Richtung Tel Aviv und kann es kaum erwarten. Am Flughafen erwartet mich meine Freundin Raz bereits ungeduldig. Wir haben uns viel zu erzählen. Bis spät in die Nacht sitzen wir in ihrer WG in Tel Aviv und werten das letzte Jahr aus. Als ich Raz am Pazifikstrand in Mexiko kennenlernte war sie gerade mit ihrem zweijährigen Wehrdienst in der israelischen Armee fertig und nutze ihre neue Freiheit um mit dem Rucksack durch Mittelamerika zu reisen. Nach drei Monaten zog es sie allerdings zurück in ihre Heimat. "Wir Israelis reisen zwar gerne, kommen aber immer wieder zurück. Wirklich wohl fühlen wir uns nur hier", gesteht sie mir. Ich kann diese tiefe Liebe zu dem kleinen Land an der Mittelmeerküste verstehen.

Einblick in eine traditionelle MarktgasseHochmoderne Wolkenkratzer aus Glas und Stahl wachsen überall in den Himmel, in riesigen Einkaufszentren kann man shoppen bis die Kreditkarte raucht (ich hab es natürlich ausprobiert ;-) ) und an den weißen Stadtstränden von Tel Aviv schmeckt der Cocktail irgendwie besser als anderswo auf der Welt. Doch die israelische Hauptstadt hat noch mehr zu bieten als den Luxus und Überfluss der westlichen Hemisphäre. In Jaffa, der ehemaligen arabischen Siedlung im Norden der Stadt, zeugen verwinkelte Gassen, restaurierte Gebäude aus dem Mittelalter und ein Franziskanerkloster von den arabischen und (während der Kreuzzüge) christlichen Einflüssen. Auch heute noch leben viele Muslime in Jaffa. Auf traditionellen Märkten preisen Händler lautstark ihre Ware an und feilschen mit den Kunden. Neben bestickten Teppichen, Schmuck und Kleidung gibt es hier duftende Gewürzstände. Leuchtend rotes Chillipulver, Kreuzkümmel und Pfefferschoten türmen sich in riesigen Leinensäcken.

Amir kennt sie alle, die versteckten geheimnisvollen Orte weit weg vom Touristentrubel. Zum Glück habe ich bei meiner ersten Reise bereits hinter allen israelischen "Sehenswürdigkeiten" wie das Tote Meer, Jerusalem, Masada und den Jordan ein Häkchen setzen können. Reiseführer und Kamera für Beweisbilder a la "Ich war hier" bleiben diesmal zu hause. Amir zeigt mir Israel auf seine Art und Weise. Während Freundin Raz bei der Arbeit ist, düsen wir mit dem Motorrad durch die Gegend. Auf Verkehrsregeln pfeift mein Begleiter. Er schlängelt sich in rasanter Geschwindigkeit durch die wartenden Autos oder nimmt gelegentlich Abkürzungen über den Gehweg. Zwischen unseren Erkundungstouren fährt Amir zu den besten Imbiss-Ständen der Stadt. Neben Fallapfel probiere ich auch den traditionellen "Hummus". Bei meiner ersten Reise rührte ich den Brei nicht an. Jetzt würde ich mich gerne in das Kichererbsenpüree reinsetzen, wenn ich könnte.

Meine Abende verbringe ich mit Raz und ihren Freunden in diversen Bars und Clubs der Hauptstadt. Nachts erinnert mich Tel Aviv ein bisschen an Berlin. Bis in die frühen Morgenstunden tobt hier das Leben auf der Straße und in den kleinen Undergrounddiscos. Bei zackigen Elektro-Beats tanzt das Jungvolk, raucht, trinkt und ist dabei kein bisschen anders als wir. Von Angst, Unsicherheit oder Hass ist nichts zu spüren, der seit Jahrzehnten schwelende Nahost-Konflikt ist weit weg. So scheint es zumindest. Freundin Raz versucht ihre Denkweise zu erklären: "Kaum einer von unserer Generation ist noch gläubig. Wir wollen Spaß, Geld verdienen und in Frieden leben. Politik interessiert uns nicht." Mich dafür umso mehr. Ich will nach "Palästina". Oder politisch korrekt ausgedrückt: in die palästinensischen Autonomiegebiete. Der Gaza-Streifen fällt aus, das ist selbst mir als bekennender Adrenalin-Junkie klar. Dann also das Westjordanland. Und wieder macht Amir das Unmögliche möglich.

das WestjordanlandGemeinsam mit Amir, zwei seiner Freunde und einem geladenen Gewehr sitze ich am Ende im Auto Richtung Krisengebiet. Zwar gibt es im Westjordanland etliche Siedlungen orthodoxer Juden, freiwillig setzt trotzdem kein Israeli seinen Fuß in das palästinensische Gebiet. Freundin Raz bezeichnet mich gar als "völlig verrückt". Auch Amir war noch nie dort. Es ist für uns beide quasi eine Jungfernfahrt. Ziel unserer kleinen Reise sind die Höhen von Shomron. Zu Fuß erklimmen wir die Gipfel und bestaunen die grandiose Aussicht. "Dort hinten ist Jordanien", ruft Amir und zeigt auf die gigantische Felswand in der Ferne. Nach unserer Wanderung suchen wir uns einen schattigen Platz in der Einöde, trinken türkischen Kaffee und reden letztendlich doch über Politik. Natürlich fragen mich meine Begleiter nach meiner Meinung. Nur mit Mühe kann ich mich aus dieser heiklen Situation herauswinden. Ich bleibe diplomatisch. Wie soll ich auch einem Volk, welches 3000 Jahre verfolgt, vertrieben und umgebracht wurde, erklären, dass Gewalt in meinen Augen keine Lösung ist. Natürlich habe ich mich mit der Geschichte von Israel und dem Nahostkonflikt auseinandergesetzt. Mir eine wirkliche Meinung zu bilden, wage ich trotzdem nicht. Meine Begleiter verstehen und lassen das Thema fallen.

Raz und Sinah (v.l.)Am Abend treten wir den Heimweg an. Nur einmal spüren wir die politische Spannung. Als wir mit dem Auto durch ein arabisches Dorf fahren, bewirft uns ein kleiner Junge mit Steinen. Sonst lässt man uns in Ruhe. Wohlbehalten erreichen wir Tel Aviv und meine Reisegruppe liefert mich bei der Familie von Raz ab. Der Shabbat beginnt. Der Ruhetag (wie bei uns der Sonntag) beginnt am Freitagabend und dauert bis Samstagabend. Überall in Israel kommen die Familien zusammen und essen gemeinsam. Die Mutter von Raz hat keine Mühen gescheut. Auf dem Tisch stehen unzählige dampfende Schalen, Töpfe und Pfannen. Bevor wir mit dem Essen beginnen, spricht der Vater ein jüdisches Gebet. Wir brechen Brot und reichen den Weinkelch herum. Dann beginnt das Schlemmen. Für Stunden sitzen wir am Tisch und essen, reden und essen weiter.

Zwei Tage später ist meine Reise ins heilige Land schon wieder vorbei. Mit Wehmut verabschiede ich mich von meinen Freunden. Ich mache mir keine Illusionen, im nächsten Jahr wird es kein Wiedersehen geben. Nahost und Palma liegen eben nicht in der Nachbarschaft. Zurück komme ich aber in jedem Falle. Amir hat wohl doch recht.

Text/ Bilder: Sinah Hoffmann